Internet Spaceship Narrativ – Wie EVE Online virtuelle Grenzen durchbricht

Die große Geschichte von EVE Online macht in diesen Tagen gewaltige Sprünge. Soviel Story-Telling hat es bisher noch nie gegeben und die Geschwindigkeit, mit der die Geschichte um die Invasionen erzählt werden ist atemberaubend. CCP gelingt es mal wieder sehr gut, die Grenze zwischen Spiel und Realität zu verwischen, indem sie einen Schritt weitergehen als eigentlich notwendig.

Bestimmt habt ihr schon die eine oder andere Serie gesehen, in der sich plötzlich der Hauptdarsteller an den Zuschauer wendet und eine Situation kommentiert. House of Cards oder Bugs Bunny sind tolle Beispiele dafür, aber schon die griechische Tragödie hat diese Methode eingesetzt, um den Zuschauer mehr in das Geschehen hineinzuziehen bzw. die erzählte Geschichte in den Zuschauerraum hineinzutragen.
Man nennt das auch “das Durchbrechen der vierten Wand.”
Ein tolles Gif zu diesem Thema, ist mir vor ein paar Tagen im wahrsten Sinne des Wortes entgegen gepurzelt:

Buster Keaton gets thrown out of a movie

 

An diesem GIF sind gleich zwei Dinge bemerkenswert. Einmal natürlich, dass hier der Darsteller “aus der Szene geworfen wird”. Das trägt den Konflikt/das Stück direkt in den Zuschauerraum. Der eigentliche Rahmen, in dem sich die Handlung bisher abgespielt hat wird nun sichtbar überwunden und überflüssig.
Das zweite bemerkenswerte Detail ist, das Buster Keaton nicht nur als Teil des aufgeführten Stückes aus dem Bild katapultiert wird, sondern auch noch mit dem Klavierspieler interagiert, der als Musiker einen großen Teil der Emotionen des Stückes transportiert. Wenn man nämlich genau darauf achtet, springt er noch zusätzlich von der Bühne herunter. Bei Genies wie Buster Keaton (oder Charlie Chaplin) bin ich mir zu 100% sicher, dass es sich hier nicht um ein Versehen handelt oder eine spontane Aktion aus dem Moment heraus ist, sondern pure Absicht.
Während die Zuschauer den Klavierspieler nach wie vor als einen ebenfalls kommentierenden Zuschauer wahrgenommen haben, wird er nun plötzlich ein Teil des Stückes oder das Stück ein Teil des Publikums.

Wenn wir nun wieder zurück auf EVE Online kommen:

Auch CCP nutzt diese Form des Geschichtenerzählens. Der Slogan “Werde Teil der Geschichte” ist selten so gut greifbar wie in EVE. Zwar sind die Haupthandlungsstränge größtenteils vorgegeben und wirklich wichtige Entscheidungen werden den Spielern abgenommen, dennoch, und das ist besonders, haben die Spieler selbst einen wichtigen Einfluss auf die Story mit der sie interagieren – oder besser – die sie durch ihre Interaktion vorantreiben. Dabei gelingt es den CCP-Leuten immer wieder Entscheidungen in die Hände der Spieler zu legen, die keinen maßgeblichen Einfluss auf den Spielverlauf haben, aber dennoch bedeutend genug sind, dass sie vom größten Teil der Spieler wahrgenommen werden.

Beispiel 1:
Kaiserin Jamyl wird von den Driftern getötet/entführt. Wie es der Brauch der Amarr will, wird der Nachfolger in einem Turnier der Erben der Amarr Königshäuser bestimmt. Es waren Spieler, die an diesem Turnier teilnahmen und stellvertretend für Häuser wie Kador oder Tash-Murkon aufeinander schossen. Der Ausgang selbst war ungewiss und als schliesslich Catiz I. als Kaiserin feststand, hatte dies eigentlich keinen großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte – aber die Spieler selbst waren hier zu Protagonisten geworden und hatten in einem einmaligen Event für ihre jeweiligen Favouriten gekämpft.

Auch aktuell entwickelt CCP eine Geschichte, bei der wir als Spieler nur zuschauen können und gleichzeitig die Hauptprotagonisten sind. Die aufkommenden Invasionen lassen sich nur durch das beherzte Eingreifen der Kapselpiloten aufhalten. Nur die Kapselpiloten stehen noch zwischen den “neuen KIs” von New Eden und der völligen Vernichtung dieser Welt.

Beispiel 2:
Der angekündigte Blackout* wird den NullSec ziemlich erschüttern. Rundherum machen sich Spieler bereit mit ihren Force-Recon Schiffen in die 0.0-Regionen einzufallen und die Invasion der Drifter auch für einen eigenen Raubzug zu nutzen.
Was den Blackout aber so besonders macht, ist dass dies ein so “harter” Einschnitt in die Mechaniken von EVE Online sind, dass dies nicht nur per Scope-Video von Lore-Seite angekündigt wird, sondern auch in 2 Blogs bzw. Meldungen von CCP.

CCP fällt hier “aus dem Rahmen”. Spieler, die eigentlich kein großes Interesse haben an den Lore-Events von EVE teilzunehmen, werden nun regelrecht dazu gezwungen irgendwie auf die Bedrohung des abgeschalteten/verzögerten Local-Chats zu reagieren. Und das werden sie tun, entweder indem sie ganz EVE-konform “no isk without risk” trotzdem abdocken und minern oder ratten, oder indem sie einfach gedockt bleiben und die nächste Woche vielleicht einfach nicht in EVE oder zumindest in einem Alt-Char verbringen.

 

Welche Handlungsstränge wurden Spieler noch aufgezwungen um eine Spielmechanik zu ändern? Kennt ihr Beispiele aus anderen Spielen?

Fly safe
Jezaja

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Weitere Blogposts zum Blackout könnt ihr hier lesen:
EVE Online Dev-Blog [1] und [2]
Warden Zorch
Quafe.de

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